Ältestes Grab Norddeutschlands entdeckt

Schleswig-Holsteinische Forschende untersuchen steinzeitliche Brandbestattung

Bei Ausgrabungen des Sonderforschungsbereichs (SFB) 1266 der Christian-Albrechts-Universität zu Kiel (CAU) und des Zentrums für Baltische und Skandinavische Archäologie (ZBSA) in Lüchow, Kreis Herzogtum Lauenburg, wurde in der vergangenen Woche die bisher älteste Grabstätte Norddeutschlands entdeckt. Dabei handelt es sich um eine Brandbestattung, die von mittelsteinzeitlichen Jäger-, Fischer- und Sammlerinnen und Sammlern vor circa 10.500 Jahren am Rande des Duvenseer Moors angelegt wurde.

In Schleswig-Holstein ist es die erste mittelsteinzeitliche Bestattung, die bisher entdeckt wurde. Aus Südskandinavien und Mecklenburg-Vorpommern bekannte Gräber steinzeitlicher Jäger- und Sammlerinnen und Sammler sind dagegen sehr viel jünger und gehören bereits in das Spätmesolithikum nach 8.000 vor heutiger Zeit. Lediglich bei Hammelev in Jütland, Dänemark, gibt es einen ähnlich alten Fund einer Grabstätte. Auch hierbei handelt es sich um einen Leichenbrandfund. Das lässt vermuten, dass eine Brandbestattung die vorherrschende Bestattungssitte der Menschen in der mittleren Steinzeit sein könnte, so die Kieler Forschenden.

Ausgrabungen unter Laborbedingungen

Nach der Entdeckung des Fundes in der vergangenen Woche bereiten die Archäologinnen und Archäologen eine Blockbergung vor und tragen die beidseitigen Fundschichten ab. Die Brandbestattung bleibt dabei in einem Block stehen, der am Mittwoch, 12. Oktober, mit der Unterstützung des Grundbesitzers und Bauern Paul Petersen geborgen wurde. In den Werkstätten des Museums für Archäologie in Schleswig wird der Block anschließend unter kontrollierten Laborbedingungen weiteruntersucht.

Hasel und Jagdwild bildeten die Ernährungsgrundlage in der mittleren Steinzeit

Zur Entstehungszeit der Grabstätte war die letzte Eiszeit bereits seit mehr als 1.000 Jahren Vergangenheit. In der Landschaft hatten sich zunächst als Pioniervegetation Birken- und Kiefernwälder ausgebreitet. Nun wurden sie zunehmend durch die Hasel verdrängt, welche großflächige Niederwaldbestände ausbildete. Vor allem in der Jungmoränenlandschaft entlang der heutigen Ostsee existierten zahlreiche Seen, deren flache Ufer zunehmend verlandeten. Diese Landschaft wurde von Jäger- und Sammler-Gruppen bewohnt, die von Süden herkommend der sich ausbreitenden Waldlandschaft gefolgt waren, während die zuvor ansässigen Rentierjägerinnen und -jäger der Späteiszeit nach Norden abgewandert waren. Die nachfolgenden Menschen lebten von der Jagd auf das Wild des Waldes (Rothirsch, Reh, Wildschwein), vom Fischfang und insbesondere vom Sammeln der weit verbreiteten Haselnuss.

Das Duvenseer Moor – seit 1960er Jahren eine archäologische Schlüsselregion

Eine der Schlüsselregionen zur Erforschung dieser Zeit ist das Duvenseer Moor im Kreis Herzogtum Lauenburg, Schleswig-Holstein. Bereits vor knapp 100 Jahren wurden die ersten steinzeitlichen Wohnplätze  entdeckt. Seit Mitte der 1960er und bis zu seinem Ruhestand am Beginn der 2000er Jahre war es der Archäologe Klaus Bokelmann vom damaligen Archäologischen Landesmuseum in Schleswig, der die Forschungen entscheidend vorangetrieben hatte. Ihm ist die Entdeckung von weit mehr als 20 weiteren Fundstellen im Duvenseer Moor zu verdanken. Dazu gehört auch der Fundplatz Lüchow 11, auf dem jetzt die Brandbestattung gefunden wurde.

Seit 2010 hatte das Zentrum für Baltische und Skandinavische Archäologie (ZBSA) die Aufgabe übernommen, diese erfolgreichen Forschungen fortzuführen. Diese werden seit 2016 durch den von der Deutschen Forschungsgemeinschaft (DFG) gefördeten SFB 1266 „TransformationsDimensionen – Mensch-Umwelt Wechselwirkungen in Prähistorischen und Archaischen Gesellschaften“ an der Kieler Universität ermöglicht. Das Teilprojekt B2 „Transformationen spezialisierter holozäner Wildbeuter“ ist federführend bei den neuen Untersuchungen im Duvenseer Moor.

Interdisziplinäre Forschung im SFB 1266 ergibt neue Erkenntnisse

In enger Zusammenarbeit mit den naturwissenschaftlichen Partnerdisziplinen wie der Geophysik oder der Archäobotanik konnten wichtige neue Erkenntnisse zu Geomorphologie und Entwicklung des Moores gewonnen werden. Die archäologischen Ausgrabungen, die mit Unterstützung des Archäologischen Landesamtes Schleswig-Holstein (ALSH) und des Museums für Archäologie durchgeführt werden, liefern neue Informationen zur Nutzung dieser Mikroregion durch die damaligen Menschengruppen. Während bei den altbekannten Wohnplätzen vor allem das saisonale Sammeln von Haselnüssen im Vordergrund stand, lassen sich auf den neu untersuchten Stationen im sehr viel stärkeren Umfang Jagd- und Fischfangaktivitäten nachweisen. Das deutet auf eine ganzheitliche und diversifizierte Landschaftsnutzung hin.

Christian Albrecht Universität 13.10.2022


Ausgrabungen im Duvenseer Moor

Das Duvenseer Paddel galt lange Zeit als älteste Paddel der Welt.

Beim Bau von Entwässerungsgräben auf dem Duvenseer Moor wurde 1923 durch Zufall ein Paddel gefunden, dass lange Zeit als das älteste der Welt galt. Vor etwa 8000 Jahren lebten hier die ersten Jäger und Sammler an den Ufern des Duvensees. Sie ernährten sich von Fischen, Wildtieren, Beeren und Haselnüssen.

Funde und Ausgrabungen von K. Gripp, G. Schwantes und K. Bokelmann auf dem Moor geben einen Einblick, wie die damaligen Menschen gelebt haben. Aufgrund der sensationellen Funde erregten die Funde schnell großes Aufsehen und führten zur Bezeichnung einer eigenen Kulturgruppe, der „Duvensee-Kultur“.

Es wurden Rast und Wohnplätze freigelegt, die mit Birkenrinden als Schlafmatten ausgelegt waren. Mengen von gerösteten Haselnüssen und verschiedene Werkzeuge aus Feuerstein und Tierknochen fanden sich auf dem Boden einer damaligen Insel im See. Die Grabungen von Dr. Bokelmann gingen von 1966 bis 2001.

Im Oktober 2017 wurden die Grabungen wieder aufgenommen unter der Leitung von Dr. Daniel Groß und sollen fortgesetzt werden.

Ausführliche Informationen finden in dem folgenden PDF:
Ausgrabungen Duvenseer Moor

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